Fabians Dissertation

mein Dissertationsprojekt – abgeschlossen 2015

Energetisches Regionalisieren. Transformationspraktiken der Energiewende am Beispiel der Biogaserzeugung.

Das Ziel meines Forschungsprojekts war es, Regionalisierungsprozesse der Biogas-Branche zu analysieren und verschiedene Entwicklungspfade dieser aufzuzeigen. Im Grenzgebiet von Luxemburg und Deutschland führte ich eine Fallstudie durch.

Der Einsatz erneuerbarer Energien (EE) wird als ein wesentlicher Bestandteil des Klimaschutzes betrachtet. Da durch die dezentrale Nutzung dieser diverse Vorteile entstehen (regionale Wertschöpfungspotenziale, Minimierung der Leitungsverluste, geringere Fehleranfälligkeit, Substituierung von Energieimporten etc.) scheinen regionale Erzeugungsstrukturen vielversprechend zu sein, um ökologische und ökonomische Vorteile zu kombinieren. Dafür ist das Zusammenwirken diverser regionaler wie überregionaler Akteure notwendig. Diese unterscheiden sich in ihrer Perspektive auf die Herausforderungen für die Energieversorgung sowie die Region selbst. Das Promotionsvorhaben „Nachhaltige Regionalentwicklung durch energetische Regionalisierung“ untersucht die Perspektiven auf die Region sowie damit verbundenen Regionalisierungsprozesse. Folgende forschungsleitende Frage liegt dem Dissertationsprojekt zugrunde:

Welche Prozesse der Regionalisierungen werden durch den Einsatz erneuerbarer Energien angestoßen, insbesondere der Biogaserzeugung?

Geographie der Biogaserzeugung

Um diese Forschungsfrage zu beantworten, werden zwei konzeptionelle „Brillen“ aufgesetzt.

Einerseits werden die institutionellen und strukturellen Bedingungen untersucht, die für Regionalisierungsprozesse des Bioenergiesektors den Rahmen bilden. Dazu gehören beispielsweise industrielle Netzwerke wie Fachverbände und spezifische sektorale Politiken, aber auch kulturelle und symbolische Bedeutungen der Bioenergie, Prozesse zur Gewinnung techno-wissenschaftlicher Erkenntnisse, sowie Märkte und Nutzerpraktiken im Biogasbereich. Zudem soll analysiert werden, wie diese Bedingungen in Beziehung zu der sozio-technologischen Entwicklung stehen. Es werden demnach der gesetzlicher Rahmen, vertragliche Regelungen und Verbandsstrukturen zu untersuchen sein, sowie politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen  pro Erneuerbare  Energien (EE) und deren Effekte auf technologische Lösungen und die Anpassungen institutioneller Bedingungen (v.a. Struktur) und individueller Entscheidungen (v.a. Handlungen) an neue Technologien im Bereich der Biogaserzeugung (vgl. Boschma / Frenken , 2006; Geels, 2010; Glückler, 2007; Hayter, 2004; Jones / Murphy, 2010; Truffer, 2008; Truffer / Coenen, 2011). Als Zeitraum der Analyse wurde die Zeit nach der Liberalisierung des EU-Energiemarktes gewählt, also ab Mitte der 1990er Jahre.

Andererseits werden die individuellen Handlungsmuster alltäglicher Praktiken von Akteuren im Biogasmarkt untersucht und welchen Einfluss diese auf Regionalisierungen im Energiesektor haben. So wird das Forschungsinteresse auf  Prozesse der Konstituierung und Reproduktion von „Energieregionen“ gelenkt – im Sinne von Benno Werlens alltäglichen Regionalisierungen (Werlen 1999, 2007, 2010). Auf welche Weise konstituieren, reproduzieren und transformieren alltägliche Handlungen Bioenergieregionen? Welche Handlungen lösen sie aus? Welche externen Regionalisierungen haben Einfluss auf die Biogaserzeuger (z. B. Regionaliseirungen durch  Planer, Politiker, NGOs, Medien)? Wie nehmen Biogasproduzenten externen Regionalisierungen wahr? Im Kern dieser Analyse stehen also Prozesse der Konstitution und Reproduktion von verschiedenen Energieregionen und die Prozesse, durch die ökonomische Praktiken der Regionalisierungen beeinflusst werden.

Die Methodik greift auf zwei Stränge zurück. Auf der einen Seite, bedingt durch den handlungsorientierten Ansatz, werden Interviews mit Akteuren in der Biogas-Wirtschaft geführt, um Wahrnehmungen, Vorstellungen, Denkmuster, Machtverhältnisse und individuelle Motivationen zu untersuchen. Diese Elemente werden in den Kontext von „Raum“ gesetzt: Handlungen (doings) und Sprechweisen (sayings) mit Raumbezug oder räumlichen Konnotationen – ob explizit oder implizit. Auf der anderen Seite führe ich eine Dokumentenanalyse durch, um verschiedene “Energieregionen” herauszuarbeiten, zum Beispiel in Strategiepapieren, Geschäftsberichten, offizielle Erklärungen, Gesetzen, Richtlinien, oder Planungsunterlagen. In einem weiteren Schritt werden Experten mit den Erkenntnissen aus der zweiten Datenquelle konfrontiert und analysiert, wie sie – wenn überhaupt – diese externen Regionalisierungen wahrnehmen und wie sie diese in ihren eigenen Praktiken rückbinden.

Ein Auswertungsverfahren, dass für die Datenanalyse im Rahmen der Arbeit entwickelt wird, ist das sogenannte Interview Mapping. Damit wird es möglich werden bereits in einer frühen Phase der Auswertung das Material auf zeitliche und inhaltliche Zusammenhänge hin zu überprüfen. Des weiteren wir die von Felgenhauer entwickelte Methode zur Analyse räumlichen Argumentierens angewendet.

Die Erkenntnisse und theoretischen Überlegungen tragen zu einem besseren Verständnis von Regionalisierungen bei – für theoretische Zwecke sowie für die Energiepolitik. Darüber hinaus versuche ich zwei Diskussionsstränge zu bereichern. Auf der einen Seite möchte ich aufzeigen, wie Theorien wirtschaftlicher Praktiken evolutionäre Ansätze ergänzen können, um Transitionen als dynamische Prozesse zu begreifen. Auf der anderen Seite – im Rahmen der (Bio-)Energie Debatte – lege ich dar, wie eine neue Perspektive auf die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Umwelt uns helfen kann, eine umweltorientierte Wirtschaftsgeographie zu entwickeln, die Konzepte wie „Grüne Wirtschaft“, Umwelt-Governance, oder die Debatte um post-Wachstum ernst nimmt.

Literaturauszug

  • Boschma, Ron/Frenken, Koen: Why is economic geography not an evolutionary science? Towards an evolutionary economic geography. Journal of Economic Geography, 6 2006, 273–302
  • Glückler, Johannes: Economic geography and the evolution of networks. Journal of Economic Geography, 7 2007, 619–634
  • Hayter, Roger: Economic Geography as Dissenting Institutionalism: The Embeddedness, Evolution and Differentiation of Regions. Geografiska Annaler, 86 B 2004, 95–115
  • Jones, Andrew/Murphy, James: Theorizing practice in economic geography: Foundations, challenges, and possibilities. Progress in Human Geography, 35 2010, Nr. 3, 366–392
  • Truffer, Bernhard: Society, technology, and region: contributions from the social study of technology to economic geography. Environment and Planning A, 40 2008, 966– 985
  • Truffer, Bernhard/Coenen, Lars: Environmental Innovation and Sustainability Transitions in Regional Studies, Regional Studies Annual Lecture. Regional Studies Associations Conference, Newcastle / Tyne, April 19 2011
  • Werlen, Benno: Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen Band 1: Zur Ontologie von Gesellschaft und Raum, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 1999
  • Werlen, Benno: Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen Band 2: Globalisierung, Region und Regionalisierung. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2007
  • Werlen, Benno: Gesellschaftliche Räumlichkeit 1 (Orte der Geographie) + 2 (Konstruktion geographischer Wirklichkeiten). Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2010

Fabian Faller